Mut zur Lücke beweist Jürgen Schell jedes Jahr im Herbst. Wenn er mit der Sämaschine aufs Feld fährt,enthält sie rund die Hälfte weniger Winterweizen als gewöhnlich. Der Landwirt aus Reilingen sät einen sogenannten Lichtacker ein. Monate später steht er im Juni 2026 gemeinsam mit NABU-Landwirtschaftsexpertin Miriam Willmott im inzwischen hochgewachsenen Getreide und freut sich über einen seltenen Gast: Der Feldrittersporn,Blume des Jahres 2026,fühlt sich auch in diesem Jahr auf seinem Acker richtig wohl.

Landwirt Schell ist Mitglied der Marktgemeinschaft Kraichgau Korn. Deren Mitgliedsbetriebe setzen seit 1990 auf einen wildkrautfreundlichen Getreideanbau: heller,lichter und pestizidfrei. Sie fördern damit eine der am stärksten gefährdeten Pflanzengruppen Europas – die Ackerwildkräuter. Vielerorts sind Farbtupfer wie der dunkelblaue Feldrittersporn aus der Feldflur verschwunden. Um auf den dramatischen Artenschwund aufmerksam zu machen,hat die Loki-Schmidt-Stiftung den Feldrittersporn zur Blume des Jahres 2026 gekürt. Die 20 bis 50 Zentimeter hohe,krautige Pflanze steht stellvertretend für eine Vielzahl von Ackerwildkräutern,die in den vergangenen Jahren ihre Lebensräume verloren haben. Die konkurrenzschwachen Pflanzen haben Unkrautbekämpfung,Saatgutreinigung und intensiver Düngung nichts entgegenzusetzen.
Haubenlerche brütet im Lichtacker
Dass es anders geht,zeigt Jürgen Schell,der inzwischen auf 6,5 Hektar Lichtäcker anlegt. „Ackerkulturen sind heute meist so dicht,dass kaum Licht auf den Boden fällt“,betont der Landwirt. „Im Dunkeln können Blütenpflanzen wie der Feldrittersporn jedoch nicht gedeihen. Auf den Lichtäckern stehen die Getreidehalme weniger eng. Die Sonnenstrahlen erreichen den Boden und fördern sowohl Ackerwildkräuter als auch Insekten“,erklärt Schell. Der Ertrag fällt etwas geringer aus,doch die Betriebe profitieren auch von der Pflanzengemeinschaft aus Getreide und Wildkräutern. Die Blütenpflanzen durchwurzeln den Boden in unterschiedlicher Tiefe. Sie machen den Untergrund weniger anfällig für Erosion und verbessern die Wasseraufnahme.
Weniger Saatgut und der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel setzen wiederum eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes in Gang,weiß die NABU-Agrarexpertin Miriam Willmott: „Ackerwildkräuter wie der Feldrittersporn stehen am Anfang der Nahrungskette. Sie sind lebenswichtige Wirtspflanzen für Schmetterlingsraupen,die oft auf eine Pflanze spezialisiert sind. Und Raupen sowie weitere Insekten,die durch das Blütenangebot angelockt werden,sind wertvolle Nahrung für Bodenbrüter und ihre Küken.“ So haben Jürgen Schells Flächen in diesem Jahr einen außergewöhnlichen Gast angelockt: Die Haubenlerche brütet in seinem Lichtacker. Der Feldvogel ist in Baden-Württemberg vom Aussterben bedroht.
Artengemeinschaften der Feldflur schützen
Als Leiterin des NABU-Projekts „Landwirt-schaf(f)t Lebensraum – Refugialflächen für die Artenvielfalt“ berät Miriam Willmott landesweit Landwirtinnen und Landwirte zu Artenschutzmaßnahmen in der Feldflur. Dazu zählt auch der extensive Getreideanbau. In Baden-Württemberg braucht es in den nächsten Jahren deutlich mehr Lichtäcker,um vom Aussterben bedrohten Arten wie Rebhuhn,Adonisröschen oder Mohn-Mauerbiene eine Perspektive zu bieten. „Ganze Artengemeinschaften aus Pflanzen,Tagfaltern,Heuschrecken und Vögeln profitieren von lichten Getreideäckern. Wenn wir Schmetterlinge wie die Rittersporn-Sonneneule oder den Kleinen Perlmuttfalter schützen wollen,brauchen wir eine auskömmliche Förderung für Agrarnaturschutzmaßnahmen. Landwirte wie Jürgen Schell haben es mit einem lichten Getreideanbau ohne Pestizideinsatz geschafft,den Schutz von Rote Liste-Arten mit wirtschaftlichem Erfolg zu kombinieren. Damit sie Vorbild für weitere Betriebe werden,braucht es eine angemessene Vergütung für ihre Leistungen“,erläutert die Landschaftsökologin.
Die Marktgemeinschaft Kraichgau Korn
47 Betriebe erzeugen auf 1570 Hektar Getreide,darunter viele alte Getreidesorten.
Zwei Mühlen verarbeiten das Getreide,40 Bäckereien und einige Hofläden gehören zu den Abnehmern des Mehls.
Die Mitgliedsbetriebe verzichten auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.
Die Region Kraichgau ist ein Verbreitungsschwerpunkt für den Feldrittersporn und weitere Ackerwildkräuter. Die wildkrautfreundliche Bewirtschaftungsweise ist ein wichtiger Faktor,um diese Artenvielfalt zu erhalten.
Betrieb Schell: 60 Hektar; Weizen,Roggen,Dinkel,Sonnenblumen,Raps und mehrjährige Blühbrachen.
Hintergrund: Refugialflächen in der Agrarlandschaft fördern
Biologische Vielfalt auf Acker- und Grünlandflächen in Baden-Württemberg zu erhalten und zu fördern ist Ziel des NABU-Projekts „Landwirt-schaf(f)t Lebensraum – Refugialflächen für die Artenvielfalt“. Dieses wird mit Unterstützung der Stiftung Naturschutzfonds aus zweckgebundenen Erträgen der Glücksspirale gefördert. Refugialflächen sind hochwertige Lebens- und Rückzugsräume für Tier- und Pflanzenarten des Offenlandes. Projektleiterin Miriam Willmott will Landwirtinnen und Landwirte für die Bedeutung mehrjähriger Refugialflächen sensibilisieren und für deren Anlage werben.
Weitere Infos zum Thema: www.NABU-BW.de/refugialflaechen
Foto (NABU/Miriam Willmott): Feldrittersporn
PM NABU (Naturschutzbund Deutschland),Landesverband Baden-Württemberg e. V.